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Raus aus dem Motivationsloch!

Marianne schrieb mir: „Anselma, was würdest du mit einer Schülerin machen, die nach 5 Jahren Klavierunterricht aufhören will, weil ihr alles zu viel wird, besonders auch die Schule und vielleicht ihre ehrgeizige Mutter.
Diese möchte, dass ihre Tochter vor der Abmeldung noch eine Prüfung macht. Leider übt das Mädchen gar nicht mehr und sie müsste aus 4 Epochen je ein Stück spielen. Sie kämpft immer noch mit dem Zusammenspiel beider Hände und an Musizieren ist noch lange nicht zu denken. Irgendwie bin ich mit meinem Latein am Ende.
Vielleicht hast du eine gute Idee, wie ich sie noch motivieren könnte…?“

Danke für diese interessante Frage und ich glaube, jeder Musiklehrer hat schon eine vergleichbare Situation erlebt!

Kinder sind laut Statistik weniger Zeit an frischer Luft als Schwerverbrecher (weniger als 60 Min. täglich). Uneingeteilte, freie Zeit ist kaum mehr vorhanden. Das dauernde Funktionieren-Müssen erzeugt Überforderung.

In einem gestreßten Zustand ist es schwierig, Motivation zu finden.
Ich erinnere mich, wie ich als Kind zu Hause gern vor mich hingeklimpert habe. Auf der Bühne aber geriet ich in extremen Streß und Panik und hatte plötzlich keinerlei Motivation mehr, irgendwas vorzuspielen! Ich wollte nur schnell weglaufen und mich verstecken.

Leistungsforderungen (z.B. von der Mutter) geben zusätzlich Druck. Und Druck erzeugt Gegendruck. Wenn’s um Motivation geht, ist so ein Szenario tödlich…

 

Die Anforderungen scheinen, wie Du’s beschreibst, jenseits dessen zu liegen, was realistisch möglich ist. Vielleicht ist also eine andere Option besser geeignet für das Mädchen.

Vom Hundetraining habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Wenn Hunde ein Gefühl der Wahlmöglichkeit haben, fühlen sie sich motiviert und folgen gerne gestellten Anforderungen. Haben sie aber den Endruck, gezwungen zu werden, werden sie bockig und unkooperativ.

Mein Vorschlag ist: Frage das Mädchen, wie SIE ihren Klavierabschluß begehen möchte.
Eine Prüfung ist natürlich ein würdiger Abschluß, vielleicht ist es aber FÜR SIE nicht der passende.

Vielleicht kann sie zum Abschluß statt der öffentlichen Prüfung ein eigenes kleines Konzert geben, wo sie 10-20 Min. für ihre Freundinnen vorspielt und anschließend gibt es Kuchen und heiße Schokolade :o)
Oder sie übt ihr allerliebstes Stück und macht zum Abschluß eine schöne Aufnahme, die dann die Oma und jeder in der Familie bekommt.

 

Ich bin mir sicher, wenn Du sie fragst, wie sie den Abschluß selbst gestalten will, kommen ihr Ideen.
Und mit dem Gefühl, selbst bestimmen zu können, kehrt auch die Motivation zurück.

Vorgegebene Ziele sind häufig nicht so verlockend wie selbst gewählte.
Welche Ziele motivieren DICH?
Diejenigen, die Du erreichen mußt, weil es gefordert wird, oder die, die Du Dir selbst setzt?

Ich hoffe, die Antwort inspiriert Dich,
herzlichst
Anselma

 

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