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Gutes Gedächtnis

Am ersten Tag des neuen Semesters hatte sie immer 120 neue Studenten. 4 Klassen, je 30 Plätze. In ihrem Buch beschreibt Patricia Ryan Madson, ihres Zeichens bekannte Dramaexpertin und Schauspiellehrerin an der Stanford University, wie wichtig es ist, gut auf Menschen zu achten, sie mit äußerstem Respekt zu behandeln und ihnen volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Diese Haltung brachte sie dazu, sich darauf zu trainieren, sich alle 120 Namen und Gesichter an jedem ersten Tag des neuen Semesters auf einmal zu merken!?

 

Da mußte ich erst mal schlucken. Wie unglaublich beeindruckend und konsequent.
Mrs. Madson erinnert uns daran, daß alles im Leben davon abhängt, was wir von uns selbst fordern und erwarten und wo unsere eigenen Standards liegen. Niemand anderer legt diese alles entscheidenden Faktoren fest. Wir selbst tun das.

Aus ihrer Sicht ist es eine Frage der Höflichkeit, sich Menschen, ihre Namen und Gesichter bei der ersten Begegnung einzuprägen. Auf die Frage, wie um alles in der Welt sie das hinkriegt, lautet ihre schlichte Antwort: „Ich tus einfach. Ich erwarte mir, daß das klappt.“

 

Als ich das gelesen hab, fielen mir die Leute ein, die immer an ihrem guten Handwerk feilen. Und unter den Musikern gibt es davon eine Menge!
Für sie geht es immer darum, persönliche Begrenzungen zu sprengen. Sie sehen überall Optionen, sich zu verbessern, sie suchen immer nach Optimierung und Vertiefung. Ihr ungetrübter Blick ist neugierig wie am ersten Tag.

Auf der anderen Seite habe ich exzellente Fachleute erlebt, die erstaunliches Können zeigten, von anderen aber kaum Notiz nahmen. Niemals prägten sie sich Namen oder Gesichter ein! Und ebenso hab ich solche Fachgrößen gesehen, die auf ungesunde Weise auf dem Staus quo bestehen, sich selbst als absolute und unfehlbare Kenner ansehen. Sie sind immer im Recht, immer allwissend, immer große Töne von sich gebend. Etwas Neues auszuprobieren, erscheint unnötig und unter ihrer Würde.

Im Jahr 1876 stellte Alexander Graham Bell der Western Union Communications Company seine neueste Erfindung vor, nämlich das Telefon, und bot ihnen sein Patent an. Die Führungsriege besagter Firma lehnte ab und ließ ihn wissen: „Durch seine offensichtlichen Limitierungen ist dieses Gerät kaum mehr als ein Spielzeug.“ Wie großkotzig und arrogant. Und wie falsch kann man in seiner selbstbeweihräuchernden Haltung liegen?

 

Ich persönlich mag die neugierigen Leute, die von sich selbst gesunde Herausforderungen abverlangen, ganz so, wie es die Stanford Lady beschreibt. Diese Einstellung ist inspirierend und macht Lust aufs Leben.

Als man Michelangelo im Alter von 88 Jahren befragte, wann er denn in Rente gehen würde, sagte er: „An dem Tag, an dem ich aufhöre dazuzulernen. Bis zu jenem Tag mach ich weiter.“

Interessanterweise läßt sich diese gesunde Haltung auf so gut wie alle Lebensgebiete anwenden, nicht nur wenns um die Arbeit geht.
Warum nicht sich von seiner besten Seite zeigen?
Hat glaub ich bis heute keinen Nachteil.

Ich wünsch Dir einen schönen Herbst,
herzlichst,
Anselma